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Wie viele Kakaosorten gibt es wirklich? Und welche stecken in unserem Kakao
Wer sich mit Kakao beschäftigt, stößt schnell auf drei Namen: Criollo, Forastero und Trinitario. Sie stehen in fast jedem Einführungstext, auch in vielen Shops. Das Problem: Diese Einteilung ist seit über fünfzehn Jahren überholt. Und was an ihre Stelle getreten ist, macht Peru zum interessantesten Kakaoland der Welt.
Von drei Gruppen zu zehn
2008 veröffentlichte ein Team um Juan C. Motamayor in PLOS ONE eine Untersuchung von mehr als 1.200 Kakaoherkünften. Ergebnis: Die drei alten Kategorien bilden die tatsächliche Verwandtschaft nicht ab. Stattdessen beschrieben die Autoren zehn genetische Gruppen: Amelonado, Contamana, Criollo, Curaray, Guayana, Iquitos, Marañón, Nacional, Nanay und Purús. Fünf davon kommen in Peru vor.
Was dabei auffällt: Viele dieser Namen sind Flüsse und Regionen im oberen Amazonasbecken. Der Kakao ist dort nicht nur angebaut worden, er stammt von dort.
Von zehn Gruppen zu fünfundzwanzig
Seitdem ist weiter gesammelt und sequenziert worden. Die Alianza de Bioversity International und CIAT schloss 2024 eine Auswertung von mehr als 4.000 Proben ab. Das Ergebnis: 25 genetische Gruppen weltweit, 16 davon mit Ursprung in Peru. Das sind fast zwei Drittel. Peru gilt damit als das primäre genetische Reservoir des Kakaos.
Aus derselben Arbeit ist der Catálogo de Cacaos de Perú hervorgegangen, ein Verzeichnis der peruanischen Kakaos, das die Grundlage für Herkunftsbezeichnungen legen soll. Ähnlich wie bei Wein: nicht nur das Land auf dem Etikett, sondern die Lage.
Und im Juli 2026 kamen vier weitere dazu
Das Cocoa Research Centre der University of the West Indies und die Universidad Nacional Toribio Rodríguez de Mendoza in Peru untersuchten 390 traditionell angebaute Kakaobäume aus acht peruanischen Regionen. Gesammelt wurde ab 2018, unter anderem in den Provinzen Bagua, Condorcanqui und Utcubamba in der Region Amazonas. Beschrieben wurden vier neue Linien: Awajún, Porcelana, Chuncho 1 und Chuncho 2.
Awajún ist nach den Awajún-Gemeinschaften in der Region Amazonas benannt, Porcelana nach dem lokalen Kakao aus Piura. Also genau die beiden Regionen, aus denen unsere Sorten kommen.
Dass verschiedene Forschungsgruppen mit unterschiedlichen Methoden auf unterschiedliche Zahlen kommen, gehört zum Stand der Forschung und ist kein Widerspruch. Einig sind sich alle in einem Punkt: Drei Gruppen reichen bei Weitem nicht, und der Schwerpunkt der Vielfalt liegt in Peru.
Was heißt das für Piura Blanco?
Piura Blanco, in Peru meist Blanco de Piura genannt, ist der klarste Fall. Er gilt als eigene genetische Gruppe des nordperuanischen Trockenwaldes, erkennbar an den auffallend hellen Bohnen, und ist als Fine-Flavour-Kakao eingestuft. Er wächst praktisch nur dort.
Die Cooperativa Agraria Norandino, von der unser Kakao kommt, arbeitet seit 2007 gemeinsam mit dem peruanischen Kakaoproduzentenverband daran, unter den vorhandenen Bäumen die besten auszuwählen und zu vermehren. 2026 wurde dazu eine dreijährige Studie auf zwölf Norandino-Mitgliedsbetrieben veröffentlicht, gemeinsam mit der Universität Göttingen und der Alianza. Ihr Kernbefund: Gut gepflegter einheimischer Blanco de Piura erreicht dieselben Erträge wie der industrielle Standardklon CCN-51. Das ist wichtiger, als es klingt, denn genau dieses Argument, alte Sorten seien zu unproduktiv, hat weltweit ganze Kakaolandschaften in Monokulturen verwandelt.
Und Amazonia?
Hier wird es ehrlicherweise unschärfer, und das hat einen Grund. Amazonia ist keine einzelne Sorte. In der Region Amazonas, entlang der Flüsse Marañón und Utcubamba, wachsen überwiegend einheimische und lokal gekreuzte Trinitario-Typen nebeneinander. Viele Parzellen sind bewusst polyklonal angelegt, also mit mehreren Sorten in einer Fläche. Das ist keine Nachlässigkeit, sondern Absicht: Verschiedene Bäume bestäuben einander besser, und eine gemischte Fläche fällt bei Krankheit oder Dürre nicht komplett aus.
Was für diese Region belegt ist: Hier wurde die Awajún-Linie beschrieben, und eine weitere Linie der Untersuchung tritt gehäuft in Utcubamba (Amazonas) und Huancabamba (Piura) auf, also in beiden unserer Herkunftsgebiete. Der volle, erdige Charakter von Amazonia kommt genau aus diesem Nebeneinander mehrerer Typen. Ein Sortenname würde ihm nicht gerecht.
Was wir nicht behaupten
Wir haben keine Genanalyse unserer eigenen Bohnen. Wir können deshalb nicht sagen, dass unser Kakao zu 100 % einer bestimmten der 25 Gruppen entspricht, und wir schreiben das auch nicht auf die Packung. Was wir sagen können: Unsere beiden Sorten stammen aus zwei benannten Regionen, deren Kakaogenetik so gut untersucht ist wie kaum eine andere auf der Welt, und beide sind bis zur Parzelle rückverfolgbar.
Sollte Norandino uns einmal eine Analyse der konkreten Charge zur Verfügung stellen, schreiben wir es hier hin. Bis dahin bleibt dieser Absatz genau so stehen.
Warum das beim Trinken einen Unterschied macht
Kakaomasse ist kein einheitliches Produkt. Genetik, Höhenlage, Boden, Fermentation und Röstung wirken zusammen. Deshalb schmeckt eine Tasse Piura Blanco hell, floral und fein fruchtig, während eine Tasse Amazonia tief, erdig und warm schmeckt, obwohl beide zu 100 % aus Bio-Kakaomasse bestehen und nichts weiter zugesetzt ist.
Wenn du beides nebeneinander probierst, schmeckst du keinen Marketingunterschied. Du schmeckst zwei verschiedene Ecken desselben Landes.
Quellen
- Motamayor et al. (2008): Geographic and Genetic Population Differentiation of the Amazonian Chocolate Tree, PLOS ONE
- Alianza de Bioversity International und CIAT (2025): El cacao silvestre y nativo de la región Ucayali, alliancebioversityciat.org
- Motilal et al. (2026): Genetic structure of traditional cacao reveals four new genetic lineages in indigenous Amazonian sites in Peru, PLOS ONE
- Zum Ertragsvergleich Blanco de Piura und CCN-51, Studie der Alianza mit der Universität Göttingen und der Cooperativa Agraria Norandino, Agronomy for Sustainable Development
