Journal
Kakao, Trank der Götter
Wir wachsen mit Kakao auf und kennen ihn als Kindergetränk. Süß, warm und schokoladig. Im Winter besonders beliebt, bei vielen aber auch das ganze Jahr über nicht vom Frühstückstisch wegzudenken.
Ich kenne persönlich keinen Menschen, der noch nie Kakao getrunken hätte. Jedenfalls nicht, wenn es um den industriell hergestellten geht. Was mir dabei auffällt: Viele kennen Kakao ausschließlich als Pulver. Meist gesüßt oder zum Backen.
Ich möchte dir eine Geschichte erzählen.
Die Legende von Quetzalcoatl
Der Gott Quetzalcoatl, die gefiederte Schlange, war ein wohlwollender Gott. Er schenkte den Menschen nicht nur das Feuer und die Kunst des Schreibens, er brachte ihnen auch den heiligen Kakaobaum. Er stahl die Samen aus dem Paradies der Götter, weil er glaubte, dass die Menschen würdig seien, dieses göttliche Geschenk zu empfangen.
Er pflanzte den Kakaobaum auf die Erde und lehrte die Menschen, wie man aus den Bohnen einen bitteren, schäumenden Trank zubereitet, den sie xocolatl nannten. Dieser Trank war kein süßes Getränk. Er war heilig, und er sollte Mut, Weisheit und Kraft verleihen.
Nur Könige, Priester und Krieger durften ihn trinken. Gewöhnliche Menschen kosteten höchstens bei besonderen Anlässen einen Schluck. Die Azteken glaubten, Kakao sei das Blut der Götter selbst, das Leben spende und Erkenntnis bringe.
Der Legende nach wurde Quetzalcoatl später von den anderen Göttern bestraft, weil er den Menschen etwas so Wertvolles gegeben hatte. In manchen Versionen wurde er vertrieben, in anderen verschwand er im Osten, mit dem Versprechen, eines Tages zurückzukehren.
Wie aus dem heiligen Trank ein Pulver wurde
Die Geschichte zeigt, welchen Rang Kakao in diesen Kulturen hatte. Er war nichts Alltägliches, sondern etwas, das man sich verdient hat. Kurios ist, dass er auch heute vielen Menschen vorenthalten bleibt, obwohl in jedem Supermarktregal Kakao steht. Denn was dort steht, ist etwas anderes als das, wovon die Legende erzählt.
Nach der Ernte wird die Bohne fermentiert, getrocknet und geröstet. Wird sie anschließend nur gemahlen, entsteht Kakaomasse. Alles, was in der Bohne gewachsen ist, bleibt darin beisammen, allen voran die Kakaobutter. Genau sie trägt den Geschmack und macht die dichte, cremige Textur.
Für Kakaopulver geht die Verarbeitung weiter. Ein großer Teil der Kakaobutter wird abgepresst und separat verkauft, unter anderem an die Kosmetikindustrie. Viele Pulver werden zusätzlich alkalisiert, was die Farbe dunkler und den Geschmack milder macht, den Gehalt an Flavanolen aber stark senkt. Und was daraus als Trinkschokolade im Regal steht, ist meist mit Zucker und Milchpulver gestreckt. Vom Trank der Götter bleibt ein Bruchteil.
Warum die ganze Masse etwas anderes ist
Zeremonieller Kakao geht diesen Weg nicht. Er wird fermentiert, schonend geröstet und dann einfach gemahlen. Keine Alkalisierung, kein Abpressen, kein Zucker, keine Aromen. Eine einzige Zutat, die Bohne, so vollständig wie sie gewachsen ist.
Dazu kommt die Menge. Für eine Trinkschokolade nimmt man ein bis zwei Teelöffel Pulver, für eine Tasse zeremoniellen Kakao 20 bis 25 Gramm reine Masse. Das ist ein Vielfaches, und es ist ungestreckt. Was das für den Geschmack bedeutet, merkst du in der ersten Tasse: voller, cremiger, bitterer und deutlich weniger süß, als du es gewohnt bist.
Ein Trank mit Geschichte
Ob Kakao Mut und Weisheit verleiht, wie die Azteken glaubten, muss jede und jeder selbst beurteilen. Wir behaupten das nicht. Was wir sagen können: Eine Tasse, die zwanzig Minuten braucht, verändert den Tag anders als eine, die in dreißig Sekunden fertig ist.
Mehr zur Verarbeitung liest du im Beitrag Ist zeremonieller Kakao wirklich roh, mehr zu den Sorten in Wie viele Kakaosorten gibt es wirklich.
Ride the Wave Within
