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Kakao und Stammzellen: Was die Forschung zu Kakao-Flavanolen und Gefäßen wirklich zeigt
Rund um Kakao und „Stammzellen“ kursieren große Versprechen. Von Zellverjüngung ist die Rede, von Regeneration, manchmal sogar von einem Jungbrunnen. Wir haben uns die Quellenlage angeschaut, statt die Formulierungen einfach zu übernehmen. Das Ergebnis ist weniger spektakulär als die Schlagzeilen, aber deutlich interessanter.
Worum es wirklich geht, und worum nicht
Wenn Studien im Zusammenhang mit Kakao von Stammzellen sprechen, geht es nicht um embryonale Stammzellen und nicht um Verjüngung. Gemeint sind zirkulierende angiogene Zellen (englisch circulating angiogenic cells, CACs), früher meist endotheliale Vorläuferzellen (endothelial progenitor cells, EPCs) genannt. Diese Zellen stammen aus dem Knochenmark, zirkulieren im Blut und sind daran beteiligt, die innere Wandschicht der Blutgefäße, das Endothel, instand zu halten.
Warum das Endothel überhaupt wichtig ist: Es steuert mit, wie gut sich Gefäße weiten und wie zuverlässig Sauerstoff und Nährstoffe in Herz, Gehirn, Haut und Organen ankommen. Mit dem Alter und unter dauerhafter Belastung lässt diese Funktion nach.
Was die viel zitierte Studie tatsächlich gemessen hat
Die Untersuchung, auf die sich fast alle Aussagen zu Kakao und „Stammzellen“ stützen, stammt von Christian Heiss und Kolleginnen und Kollegen und erschien 2010 im Journal of the American College of Cardiology. Patientinnen und Patienten mit koronarer Herzkrankheit tranken über einen Monat ein flavanolreiches Kakaogetränk mit 375 mg Kakao-Flavanolen pro Portion. Verglichen wurde mit einem geschmacklich gleichen, aber flavanolarmen Getränk.
Zwei Dinge veränderten sich messbar: Die Gefäße weiteten sich besser (gemessen als flussvermittelte Dilatation) und die Zahl der zirkulierenden angiogenen Zellen im Blut stieg um etwa das 2,2-Fache gegenüber der flavanolarmen Phase.
Zur Einordnung gehört aber auch: Die Gruppe war klein, sie bestand aus Herzpatientinnen und Herzpatienten, nicht aus gesunden Menschen, und gemessen wurden Marker der Gefäßfunktion, keine Krankheitsverläufe. Die Ergebnisse lassen sich also nicht eins zu eins auf eine Tasse Kakao am Morgen übertragen.
Was die EU-Behörde EFSA anerkennt
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat den Zusammenhang zwischen Kakao-Flavanolen und dem Erhalt der normalen endothelabhängigen Gefäßweitung geprüft und als belegt bewertet. Auf dieser Grundlage hat die EU mit der Verordnung 851/2013 eine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen: Kakao-Flavanole tragen dazu bei, die Elastizität der Blutgefäße zu erhalten, was zu einem normalen Blutfluss beiträgt.
Diese Angabe ist an klare Bedingungen geknüpft. Sie gilt bei einer täglichen Aufnahme von 200 mg Kakao-Flavanolen, was etwa 2,5 g flavanolreichem Kakaopulver oder 10 g flavanolreicher dunkler Schokolade entspricht. Und sie beschreibt den Erhalt einer normalen Funktion, nicht eine Heilung oder Verbesserung eines Krankheitszustands.
Wir machen diese Angabe für unseren Kakao ausdrücklich nicht, weil wir den Flavanolgehalt nicht analytisch bestimmen lassen. Mehr dazu weiter unten.
Die größte Studie zum Thema hat ihr Hauptziel verfehlt
Diesen Teil lassen die meisten Texte weg, er gehört aber zur ehrlichen Einordnung. Die COSMOS-Studie (Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study, veröffentlicht 2022 im American Journal of Clinical Nutrition) untersuchte über 21.000 ältere Erwachsene in den USA, die täglich ein Kakaoextrakt oder ein Placebo einnahmen.
Der vorab festgelegte Hauptendpunkt, die Gesamtzahl schwerer Herz-Kreislauf-Ereignisse, wurde nicht signifikant gesenkt. In nachgeordneten Auswertungen zeigte sich eine um 27 Prozent niedrigere Rate an Todesfällen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und in der Auswertung der Personen, die das Präparat tatsächlich durchgehend einnahmen, auch ein niedrigeres Gesamtrisiko. Solche Nebenauswertungen gelten methodisch als Hinweis, nicht als Beweis.
Kurz gesagt: Auf der Ebene der Gefäßfunktion ist die Datenlage zu Kakao-Flavanolen solide. Auf der Ebene harter Krankheitsverläufe ist sie es nicht. Wer etwas anderes behauptet, geht über die Studien hinaus.
Was das für deine Tasse Kaburoh bedeutet
Unser Kakao besteht aus 100 Prozent Bio-Kakaomasse, also aus der ganzen gemahlenen Bohne, ohne Zusätze. Er ist nicht alkalisiert. Das ist an dieser Stelle relevant, denn Alkalisierung (auch Dutch-Processing genannt) senkt den Flavanolgehalt deutlich. Eine Analyse handelsüblicher Kakaopulver in der Fachzeitschrift Journal of Agricultural and Food Chemistry fand im Mittel rund 34,6 mg Flavanole pro Gramm in naturbelassenem Kakaopulver gegenüber etwa 3,9 mg pro Gramm in stark alkalisiertem Pulver, also ungefähr ein Neuntel.
Was wir daraus nicht ableiten: eine Zahl für unseren eigenen Kakao. Der Flavanolgehalt schwankt natürlicherweise mit Sorte, Herkunft, Fermentation und Röstung, und die zitierten Werte beziehen sich auf Kakaopulver, nicht auf Kakaomasse. Ohne eigene Laboranalyse wäre jede Angabe geraten. Was wir sagen können: Unverarbeitete, nicht alkalisierte Kakaomasse behält mehr von den Pflanzenstoffen, um die es in der Forschung geht, als stark verarbeitete Alternativen.
Kakao bleibt dabei ein Lebensmittel. Kein Medikament, kein Therapieersatz, kein Jungbrunnen. Er ist ein guter Anlass, sich zwanzig Minuten Zeit zu nehmen, und das ist für sich genommen genug.
Hinweis
Dieser Beitrag ordnet öffentlich zugängliche Studien und Behördenbewertungen ein. Er ersetzt keine medizinische Beratung und stellt kein Heilversprechen dar. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestehenden Vorerkrankungen oder regelmäßiger Medikamenteneinnahme sprich bitte mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Mehr zum Kakao selbst?
Auf der Seite Kakao Wissen erklären wir Herkunft und Verarbeitung, im Artikel Ist zeremonieller Kakao wirklich roh? gehen wir der Frage nach, was „roh“ auf der Verpackung tatsächlich bedeutet.
Quellen
- Heiss C. et al.: Improvement of Endothelial Function With Dietary Flavanols Is Associated With Mobilization of Circulating Angiogenic Cells in Patients With Coronary Artery Disease. J Am Coll Cardiol 2010;56(3):218-224
- EFSA: Scientific Opinion on cocoa flavanols and maintenance of normal endothelium-dependent vasodilation (2012)
- Verordnung (EU) Nr. 851/2013 zur Zulassung der gesundheitsbezogenen Angabe zu Kakao-Flavanolen
- Sesso H.D. et al.: Effect of cocoa flavanol supplementation for the prevention of cardiovascular disease events (COSMOS). Am J Clin Nutr 2022
- Miller K.B. et al.: Impact of Alkalization on the Antioxidant and Flavanol Content of Commercial Cocoa Powders. J Agric Food Chem 2008
